Slow Trade

Denken wir noch nach, bevor wir falsch handeln?

Wenn ich so über den Zustand der heimischen Handelslandschaft nachdenke, muss ich mich zwangsläufig mit den neuen Marktteilnehmern im digitalen Zustellhandel beschäftigen. Ich meine damit jene Online-Supermärkte, die alles für den Wocheneinkauf bieten und Lieferungen innerhalb von drei Stunden direkt an die Wohnungstür versprechen. (Zumindest im urbanen Bereich, wo die last mile betriebswirtschaftlich noch halbwegs darstellbar bleibt und ein tiefgekühltes Ben&Jerry‘s Pint um 5,99 Euro noch ein paar Cent an Ertrag abwirft.) Jene Marktteilnehmer jedenfalls, die durch Corona und den damit verbundenen Lockdowns so rasch in den Markt gespült wurden, wie sie diesen auch wieder verlassen werden. Oder auch nicht. Vielleicht sind sie ja gekommen, um zu bleiben?

Jedenfalls: Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass der Handel mit Lebensmitteln und Getränken zunehmend zu einem Wettlauf gegen die Zeit verkommt? Das klassische Einkaufen, neudeutsch Shoppen genannt, rückt immer mehr in den Hintergrund. Nicht die Ware zählt, sondern die Zeit, in der sie von A nach B getragen, in E-LKWs emissionsarm geführt oder besser noch geradelt wird. Wir kaufen zunehmend Geschwindigkeiten und keine Inhalte - und vergessen dabei völlig auf den Genuss am Erwerb von Gütern. Das Internet hat mit seiner Gigantomanie an Onlinezustellern das Maß aller Dinge verloren, Amazon treibt die Branche vor sich her – oder aber die Branche Amazon, je nachdem, mit wem man gerade über den Onlinehandel spricht. Gesund sind diese Entwicklungen nicht, immer mehr Player rittern um den gleichen Kuchen, um den gleichen Konsumenten, um den gleichen Markt. Ein Markt, der noch dazu am Beispiel Österreich extrem gesättigt ist.

Was machen die Anbieter dabei? Diese versuchen sich durch noch schlankere Strukturen, durch noch effizientere Arbeitsabläufe, durch noch kürzere Kommunikationswege an Geschwindigkeit zu übertreffen. Moderne Onlinetrader kommunizieren intern nur noch per Apps á la Asana oder Trello, nicht per Telefon, nicht per E-Mail, nicht per Offline-Gespräch. Nein, das dauert alles viel zu lange, in diesen wertvollen Minuten lässt man schlichtweg jene Zeit liegen, die ein anderer Marktteilnehmer viel effizienter nutzt. Es wird nicht mehr gehandelt, es wird ein Börsenerprobtes Dealen in Handelsstrukturen hineingepresst. Kaufen, verkaufen, kaufen, verkaufen, jede Sekunde entscheidet über noch mehr Gewinn. Schneller, höher, weiter, am besten gleich Waren per Botendienst liefern, von denen Kunden zum Zeitpunkt der Zustellung noch gar nicht wissen, dass er oder sie diese kaufen wollen. Selbstkommunizierende Kühlschränke und Speisekammern können das ermöglichen. Was wir brauchen entscheiden andere, lediglich bezahlen dürfen wir noch selber. Und die Ware am Ende des Haltbarkeit wieder entsorgen, weil der Überbestand wieder mal abgelaufen ist ...

Stopp! Dieser Agonie des Handels gehört Einhalt geboten. Besinnen wir uns doch bewährten Elementen á la Slow Food und Fair Trade, lassen wir uns ein auf einen neuen Slow Trade. Denken wir nach, bevor wir morgen wieder falsch handeln.

Euer Klaus Postmann

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